Mittwoch, Februar 08, 2012
   
Text Size
Nachricht
  • Die ausgewählte Veranstaltung existiert nicht !
  • Die ausgewählte Veranstaltung existiert nicht !

Tour de France und Murmeltiere

Ein Reisebericht von Hartmut Pommerening

Mit der jahrelangen Tradition, im Sommer eine Ausfahrt in die Berge zu unternehmen, sollte auch in diesem Jahr nicht gebrochen werden. Schon seit langem sprachen wir davon, einmal auf den Spuren der Tour de France unterwegs zu sein. Dieses Jahr haben wir es in die Tat umgesetzt.


6 Radfahrer aus der Giessener Umgebung und aus Ostwestfalen, die in den Vereinen RV Kleinlinden und RSG Porta- Minden trainieren, taten sich dazu zusammen. Holger, Steffen und Stephan (Burschi) aus Minden und Bernd, Mike und Hartmut (Pomme) aus Gießen.
Als Ausgangspunkt wurde Bourg d´Oisans unterhalb des durch die Tour de France weltberühmten
L´ Alpe d´ Huez und als Zeitraum Anfang Juli festgelegt, so dass die Grobplanung relativ früh stand. Ein wenig später stellte Holger fest, dass es da einen Marathon „La Marmotte“ gibt, den man doch bei der Gelegenheit gleich mal fahren könnte. Holger, Stefan, Bernd und Hartmut haben sich dann tatsächlich angemeldet.

1. Tag, Do. 01. Juli: Anfahrt 823Km

VS_1_1.jpg Holger und Stefan kamen bereits am Vorabend mit dem Wohnmobil in Kleinlinden vorbei und nahmen ein Großteil des Gepäcks und alle Räder mit. So konnten die anderen 4 mit einem PKW nach Frankreich fahren und die Fahrtkosten wurden optimiert. In Erwartung der Herausforderungen der nächsten Tage verlief die Fahrt bis Bourg d´Oisans sehr kurzweilig. Vor allem Bernd unterhielt uns mit seinen Tipps und Tricks zu Rad, Körper und Seele.
Die unter einigen Schwierigkeiten gebuchte, recht komfortable Ferienwohnung war schnell bezogen, das Wohnmobil auf dem Campingplatz installiert und Mike konnte sich mit Spaghetti und Tomatensoße gleich mal als Gurmetkoch profilieren.

2. Tag, Fr. 02. Juli:
Fahrt nach L´Alpe d´Huez, 32Km, 1.015 Höhenmeter
Fahrt nach les Deux-Alpes, 44Km, 710 Höhenmeter

VS_2_1.jpgAm Vortag des Marathons fuhren wir alle gemeinsam mit dem Rad hoch nach L´Alpe d´ Huez um die Startunterlagen abzuholen. Der Berg für sich ist gar nicht so schlimm, wie man es dem Mythos nach annimmt. Bis zur Kehre 17 sind es so zwischen 10 …12 %, danach wird es flacher. Mike, der an diesem Tag mit seinem Rad das erste Mal über 1.000m war, drückte aufs Tempo.
Es gibt ein paar schöne Aussichten hinunter auf Bourg d´ Oisans und die Berge dahinter, die wir natürlich auf dem Foto festhielten.
Das eine oder andere L´ Alpe d´Huez oder La Marmotte-VS_2_2.jpg Erinnerungstrikot wurde gekauft, und dann ging es die vielen Kehren wieder abwärts - Gewöhnung war angesagt. Mike und Steffen machten sich anschließend noch auf den Weg nach Les Deux- Alpes. Es ging zuerst über die relativ stark befahrene Hauptsrasse in Richtung Briancon bis zum Abzweig am Stausee. Nach einer kurzen Rast mit Fotoshooting an der Staumauer ging es bei ca. 38° im Schatten hinauf in den Ort. Die beiden hatten in Anbetracht der Temperaturen im Tal keine Windjacken dabei und mussten sich für die Abfahrt mit Einkaufstüten aus dem Supermarkt ausstatten. Der Ort selbst gibt nicht viel her. Die Zweckmäßigkeit eines nur im Winter genutzten Skiortes unterdrückt jeglichen Charme.

3. Tag, Sa. 03. Juli:
La Marmotte, 174 Km, 5.000 Höhenmeter,
Fahrt zum Col du Glandon + Col de la Croix de Fer, 81 Km, 2.441 Höhenmeter

Heute war „La Marmotte – Das Mumeltier“: Startzeit der dritten Startgruppe mit den Nummern über 4.000, zu der wir gehörten, war 07:50 Uhr. Die Stimmung am Start war gelöst: Das Wetter war super und die Aussichten für den Tag ebenfalls. VS_3_1.jpgDamit war die Frage der Anzugsordnung und Ausrüstung einigermaßen klar. Die Holländer, bestimmt mehr als die Hälfte aller Teilnehmer, hatten im Fußball gegen Brasilien 2:1 gewonnen und wünschten sich Spanien als Gegner: „Mit den Spaniern kommen wir besser zurecht“, meinten sie. Zuerst ging es über den Col du Glandon, der mir, Holger und Stefan ziemlich steil erschien. Bernd empfand es nicht ganz so und war auch dementsprechend eher oben.
Der Pass liegt auf 1.924m und ist ziemlich eng. Es war Chaos. Die Fahrer stauten sich und die Wasserstellen waren kaum zu finden. Die Polizei wollte den Weg frei machen für einen Krankenwagen, keine Chance. Holger war durch reges Studium von Radsportblogs vorbereitet. VS_3_2.jpgEr hatte schon weiter unten Wasser getankt, schulterte sein Rad am Pass und trabte nach der Zeitnahme über die Wiese am Stau vorbei zur Abfahrt. Auf schmalen, schlechten, engkurvigen Straßen ging es hinunter. Der Veranstalter hatte sehr umsichtig vor gefährlichen Stellen Schilder und auch Posten aufgestellt, so dass keiner von uns einen Sturz gesehen hat. In der Ebene ging es bei ziemlicher Hitze und Gegenwind von St. Marie de Cuines auf der Hauptstrasse weiter nach St. Michel de Maurienne. Ein Schild: Col du Télégraphe: 12Km / Col du Galibier: 34Km kündigte die ersten „Tour de France- Mythen“ an. Schon der Telegraph forderte den meisten viel ab. Vor allem die große Hitze machte zu schaffen. Der größte Teil des Anstiegs liegt in der Sonne. Nach ca. 4,5 Km des Anstiegs musste ich am Wegesrand im Schatten eine Auszeit nehmen. Nach ca. 10min. kam Stefan vorbei. Sein „…na Pomme ein Päusken…“ konnte mich nicht aufmuntern. Ich hatte nur ein müdes Abwinken für ihn übrig. Gott sei Dank gab es in der Mitte nach ca. 5Km Anstieg eine Wasserstation: Helm ab, Kopf und Hals kühlen waren eine Wohltat. Danach fühlte ich mich deutlich besser. VS_3_3.jpgAuch Holger und Stefan nutzten die Gelegenheit zur Erfrischung, nur Bernd ging es richtig gut: „Die habe ich gar nicht wahrgenommen“, sagte er hinterher verwundert. Die Abfahrt vom Col du Télégraphe war nicht problematisch.
Im Anstieg zum Col du Galibier beschlichen mich erste Zweifel: „…da kommst Du nicht mehr hoch …“
Etwa in der Mitte des Anstiegs mußte ich wieder anhalten. Es ging nichts mehr. Dabei war es gar nicht mehr so heiß und ein kühlender Wind ging auch. Im Hintergrund donnerte es bereits. Mit je einem Gel jede 100 Höhenmeter habe ich es dann doch geschafft. Nur: Jetzt noch L´Alpe d´Huez ???
Die Abfahrt vom Galibier ist im ersten Teil kritisch, weil da die Straßen noch schlecht sind. Dann wird die Straße breit und ist auch sehr gut ausgebaut. Auf einmal sah ich die Deutsche Fahne an einem Rad vor mir. Das konnte nur Stefan sein. Tatsächlich. Nun kam wieder etwas Hoffnung auf, dass es doch noch reichen würde hinauf nach L´Alpe d´Huez. In Bourg d´Oisans angekommen aß ich Salami-Baguette und füllte meine Flaschen mit Cola. Die würde mir den Berg hinauf helfen, hoffte ich.
Es ging über die Zeitnahmelinie am Fuß des Anstiegs die ersten Kehren hinauf. Aber schon an der
Nr. 20 hatte ich absolut nichts mehr in den Beinen. Ich stieg ab, setzte mich auf die Mauer an der Strasse, sah Leute den Berg hoch schieben oder auch auf der Mauer liegen und … entschloß mich zur Umkehr.
Holger und Stefan hatten auf dem Campingplatz im Wohnmobil eine Rast eingelegt, sogar noch etwas vom Fußballspiel der Deutschen gegen Argentinien gesehen und sich danach noch ins Ziel hinaufgequält. Sie haben sich den Jubel und die erfrischenden Wassergüsse der Zuschauer redlich verdient. Bernd hat später davon geschwärmt, wie Ihn dieses Feeling den letzten Kilometer vorangetrieben hat.
Mike und Steffen waren am morgen gegen 10:00Uhr ebenfalls in Richtung Col du Glandon aufgebrochen. VS_3_4.jpgSie konnten die Ausblicke auf den Stausee Gr. Maison deutlich mehr genießen, denn sie hatten ja echt Urlaub. Steffen sorgte für die Photos.
Nach einer kurzen Pause am Pass fuhren sie noch 2,5Km weiter zum Col de la Croix de Fer (2.067m), der bereits 15- mal von der Tour de France überquert wurde. Im „Chalet du Col de la Croix de Fer“ gab es lecker Omlette mit Schinken als Stärkung für die Rückfahrt.
Bei strahlendem Sonnenschein mussten sie sich nach der Abfahrt in der Geraden anstrengen um pünktlich in Bourg d´Oisans zu sein zum Fußballspiel Deutschland- Argentinien. Die Fernsehübertragung in der Pizzeria am Marktplatz geriet zum Freudenfest:
Deutschland schlägt Argentinien 4:0.

4. Tag, So. 04. Juli:
Fahrt zum Col d` Ornon, 30 Km, 650 Höhenmeter,
Fahrt nach Alpe d´ Huez, 28,5Km, 1.067 Höhenmeter

Stefan und Holger hatten am Abend nach dem La Marmotte gemeint: Morgen nur Chillen am Pool, keine Radtour. Die anderen 4 wollten eine Tour mit geringerer Anstrengung unternehmen.
So fuhren Mike, Steffen, Bernd und Pomme nach einem gemütlichen Frühstück zum Col d´ Ornon.
VS_4_1.jpgEs ging von Bourg d´Oisans in südwestlicher Richtung durch eine malerische Schlucht und anschließend durch sattgrüne Wiesen bis auf 1.371m. Nach einer kurzen Rast in der „Gite Auberge Le Chamois“ ging es zurück in den Ort. Steffen und Mike nahmen noch einmal den Anstieg nach L´Alpe d´Huez. In der Zwischenzeit kümmerten sich Bernd und Hartmut um den Haushalt und das Mittagessen. Die Nachricht: „Essen steht auf dem Tisch“ erreichte Mike und Steffen per Handy und ließ sie kurze Zeit später den Rückweg antreten.
Der Nachmittag war Siesta. Holger und Stefan kamen auch noch vorbei.
Sie hatten sich nach Chillen am Pool kurzfristig auch noch für die Tour zum Col D´ Ornon entschieden.
Abends verluden wir Gepäck und Räder wieder im Wohnmobil und ließen den Tag bei einem Weizenbier auf dem Campingplatz gemütlich ausklingen.

5. Tag, Mo. 05. Juli:
Fahrt nach Sestriere, 74Km, 1.795 Höhenmeter

Am Vormittag verlegten wir unser Quartier von Bourg d´Oisans nach Briancon, der zweithöchstgelegenen Stadt Europas (1.220-1.326m).
Holger und Stefan fanden schnell einen Campingplatz und wir unser Hotel Edelweiss.
Wir trafen uns gegen 13:00Uhr am Wohnmobil. Von Briancon aus geht es auf der N94 stetig bergauf. Rechter Hand hat man wunderbare Ausblicke auf die alten Festungsmauern verschiederner Fort´s über der Stadt. In Montgenevre (1.854m) war sammeln nach dem Aufstieg. Am altertümlichen Brunnen des Ortes wurden die Flaschen aufgefüllt, und dann ging es über Claviere hinein nach Italien.
VS_5_1.jpgVS_5_2.jpgDen niedrigsten Punkt erreichten wir in Cesana Torinese (1.344m) bevor es von dort hinauf zum Skigebiet Sestriere (2.008m) ging. VS_5_3.jpgIm Ort, der dem Skigebiet seinen Namen gibt, haben wir am Brunnen noch einmal halt gemacht und uns erfrischt. Es war wieder sehr heiß an diesem Tag und die Strecke brachte kaum Schatten. Die Hotels des Skigebietes haben eine etwas eigenwillige, VS_5_4.jpgfuturitisch anmutende Architektur. In einer Pizzeria ruhten wir aus und verpflegten uns mit Baguettes und Burgers bevor wir uns auf den Rückweg nach Briancon machten. Den Abend verbrachten wir gemeinsam bei typisch französischem Käseraqulette und Rotwein in einer Creperie, die wir in der historischen Altstadt in einer schmalen Gasse gefunden hatten.

6. Tag, Di. 06. Juli:
Rund um Briancon über den Col d´ Izoard, 87Km, 1.751 Höhenmeter

VS_6_1.jpgFür den letzten Tag hatte Steffen ein besonderes Ziel herausgesucht: Die Überquerung des legendären Passes am Col d´Izoard (2.363m). Die Strasse D902 verbindet Briancon mit dem Queyras, ist verkehrssmäßig ohne Bedeutung und gerade deswegen ein ruhiger, abgeschiedener landschaftlicher Leckerbissen. Wir wollten den Pass von Süden her, also von der bei der Tour de France als HC- Kategorie eingestuften Seite fahren. Dazu ging es zuerst auf der N94 am Flusslauf der Durance entlang nach Süden bis nach Guillestre (1.000m). Hier ist der Col das erste Mal ausgeschildert. Hinein geht es ins Tal des Gui. Eine bizarre Schlucht, die Combe du Queyras, gräbt der Fluß hier ins Gestein, und es ist einfach ein Muß, anzuhalten und die Aussichten aufs Foto zu bannen. Das Gelände ist nur sehr leicht ansteigend und manchmal hat man den Eindruck, das entgegenkommende Wasser fließt bergan. Dann kommt man vor Chateu-Queyras an den Abzweig, an dem es links hoch geht. Gut beraten ist, wer sich am Brunnen in Arvieux (1.563m) die Flaschen voll macht und sich vielleicht noch einmal abkühlt. Wir trafen uns dort zuletzt und nahmen dann den Paß jeder in seinem Tempo in Angriff. Am Ortsausgang geht ein langes Stück fast geradeaus mit etwa 12 % bergan, bis die Straße beginnt, sich in Serpentinen zu winden. Ca. 300 Höhenmeter unterhalb des Passes durchquert man die Casse Déserte, eine trockene Verwitterungslandschaft mit Schutthalden und Felsnadeln. Ich glaube, jede andere Gruppe von Radfahrern hat am Pass auch das Foto gemacht, dass Ihr hier seht. Steffen hatte uns als abschließendes Highlight ein Essen in der Hütte „Le Refuge Napoleon“ (2.303m) versprochen. Nach einer kurzen Abfahrt kehrten wir nun dort ein und ließen uns typisch französiche Gerichte schmecken. Es lag ja nur noch die Abfahrt nach Briancon vor uns. Mike ist in dieser dann leider gestürzt, hat sich aber außer ein paar Abschürfungen keine Verletzungen zugezogen. Ziemlich kaputt sind wir in Briancon auf dem Campingplatz angekommen. Stefan und Holger teilten die letzten Weizenbiervorräte mit den anderen und die Giessener verluden Ihre Räder wieder auf dem Wohnmobil.

7. Tag, Mi. 07. Juli:
Abreise ca. 900Km

VS_7_1.jpg

Die Rückreise stand ganz unter dem Zeichen des Halbfinales Deutschland- Spanien bei der Fußball-WM. Werden wir es schaffen, rechtzeitig zu Hause zu sein?
Ein gemütlicher Grillabend in Pommes Garten, der noch einmal alle zusammenführte, ließ die Enttäuschung über das Ausscheiden der deutschen Mannschaft nicht zu groß werden.
Auch die diesjährige Tour war für alle ein tolles Erlebnis mit Eindrücken, die wir so schnell nicht vergessen werden …

 

 

 

 

Text/Bilder Hartmut Pommerening