Ein Linneser in den Dolomiten
18.06.2006 – Da ich mich gemeinsam mit Bernd Ruch für die Jeantex-Tour-Transalp 2006 angemeldet hatte, erschien mir ein Trainingslager in den Alpen als absolut notwendig. Bei dem Reiseuntenehmen “Joachim Berg & Rad & Events” von Joachim Wechner wurde ich fündig und buchte über dessen Homepage www.bergtraeume.de die Teilnahme an dessen Dolomiten-Giro.
Eines möchte ich gleich vorausschicken. Die Organisation und Durchführungder Woche waren perfekt und ganz besonders positiv ist mir die individuelle und persönliche Note von Joachims Team, dass außer ihm aus seiner Freundin Annika Grüber und dem Fahrer des Begleitfahrzeuges Reinhard Lenze bestand, aufgefallen.
Gerald Dörr

Am Samstagnachmittag trafen sich insgesamt 22 Fahrer (darunter 1 Frau) ca. 2 Kilometer unterhalb von Schluderbach im Hotel “3 Zinnen” auf 1.405 Meter über Normal-Null. Nach einer Kennenlernrunde und einem ersten Briefing gab es an diesem Tag noch eine Kurzetappe.
Wir fuhren bei 8-12% hoch nach Misurina am See (1.756m) und machten uns dann auf den 17% steilen Rampen hoch Richtung dem Refugio Auronzo unterhalb der “Drei Zinnen”. An der Mautstelle beendeten wir aber leider die Tour, weil es zeitlich mit dem Abendessen nicht gepasst hätte. Die restlichen 3/4 der berüchtigte Stichstraße zur Auronzo-Hütte müssen daher noch mind. ein Jahr auf mich warten. So blieb es bei 21 KM und 500 Höhenmeter an diesem Tag.
Am zweiten Tag fuhren wieder hoch nach Misurina am See (1.756m) und machten uns dann auf die Abfahrt nach Auronzo. Ein Mitglied der Gruppe hatte dabei bereits 2 “Platten” und bei der Schadensbehebung wurde leider der Werkzeugkoffer im Wert von ca. 2.000 EURO stehengelassen. Er (der Werkzeugkoffer :-) sollte nie wieder auftauchen. Von Auronzo (850 m) ging es dann an den ersten Pass, den San Antonio (1.489 m), wenig bekannt, keine besonder Endhöhe, aber mit über 9% im Schnitt auf 7 Kilometer eine erste Herausforderung. Ich testete gleich einmal meine Verfassung und fuhr den Pass von vorne und ließ mich nur von wenigen Mitfahrern überholen.
Bei mehr als 30 Grad Celsius war es nicht gerade leicht, aber die einsame Straße machte trotzdem Spaß. Nach einer Abfahrt ging es dann zum Kreuzbergpass (1.636), der praktisch durchgehend mit 4-6% Steigung gut und locker zu befahren war. Ich hatte mich der schnelleren Gruppe angeschlossen und wir “marschierten” mit einem 18er Schnitt über den Pass. Es folgte die Abfahrt nach Innichen und dann das Pustertal abwärts nach Tobblach. Von dort ging es dann weitere 300 HM, bei gleichbleibenden 1-3 % zurück zum Hotel. Am Ende standen 92 KM und 1.650 Höhenmeter auf dem Tacho.
Am Montag wollte ich mit der gemütlicheren Gruppe fahren, aber während Tourleiter Joachim noch einige Justierungen an meinem Rad vornahm, war diese Gruppe plötzlich weg. Also hieß es mit den “Schnelleren” zu fahren. Zunächst ging es wieder hoch nach Misurina am See, dann nach einer kurzen Abfahrt hoch zum Passo Tre Croci (1.805m) und dann runter in die Olympiastadt Cortina d’ Ampezzo. Dort stand dann die gleichmäßige Anfahrt zum Falazrego (2.105m) auf dem Programm, wobei mehr als 1.000 Höhenmeter zu absolvieren waren. Die Gruppe fuhr in einem für die besseren Fahrer “gemäßigten Tempo”.
Dies galt nicht ganz für mich und einen weiteren Teilnehmer und wir mussten 4 KM vor der Passhöhe reißen lassen. Oben auf dem Falzarego stand das Begeleitfahrzeug und wir verpflegten uns. Nach der herrlichen Abfahrt nach Cencenighe (770m) stand dann der schwierigste Teil des Tages an, der San Pellegrino (1.919m) mit langen Passagen über 11% und bis zu 18% Höchststeigung auf 200 Metern Länge. Am Fuß des Passes hieß es “gemäßigte Gruppe voraus” und wir fuhren auch bei 4-5% Steigung mit ca. “20 Sachen” und machten uns ans “Einsammeln”. Die “Gemäßigten” hatten 6 KM und 500 Höhenmeter weniger in den Beinen und waren zudem eine halbe Stunde vor uns gestartet. Da kann man ersehen, wie “gemütlich” wir unterwegs waren :-) Als es am Ortsausgang von Falcade dann mit den Steilstücken begann, war für mich aber “Schluß mit lustig” und ich musste endgültig abreißen lassen. Bei Steigungen von über 15% büßte ich nun für das vorher gegangene Tempo und probierte mich zweimal als “Schieber” (Mein lieber Pellegrino, wir sehen uns beim Transalp wieder und dann bin ich der Stärkere). Auf dem Pass wartete in einem Cafe ein Cappuccino auf uns und dann ging es die sehr gerade und daher sehr schnelle Abfahrt nach Moena (1.184m) hinunter. Am Ende standen 98 KM und 2.600 Höhenmeter zu Buche.
Am 4. Tag stand die berühmte Sella-Runde rund um den imposanten Sella-Stock auf dem Programm. Ich hatte mich wieder der gemäßigteren Gruppe angeschlossen und diese bestand ab dieser Etappe im Grunde immer aus 75% der Tour-Teilnehmer.
Von Moena fuhren wir 18 KM bei leicht ansteigender Straße nach Canazei (1.463m) , von wo dann der gleichmäße Anstieg zum Sellajoch (2.244m) begann. Ich fühlte mich sehr gut und setzte mich mit dem Österreicher Herrmann recht schnell vom Rest der Gruppe ab. Oben auf dem Pass genossen wir den Ausblick und hatte bei 20 Minuten Abstand zu den weniger schnellen Fahrern auch genügend Zeit dafür.
Die Abfahrt Richtung Val Gardena entpuppte sich als schiwerig, weil die Straße in einem wirklich sehr schlechten Zustand ist. In der Nähe des Hotels Miramonti begann dann der, von hier aus nur kurze, Anstieg zum Grödner Joch (2.121m) und dann weiter über Corvara (1.555m) zum Campolongo (1.875m). An beiden Pässen war ich zuerst oben und konnte auch die schnelle Gruppe noch einmal abwehren. Allerdings hatten sich viele Fahrer auch geschont, da der letzte Pass des Tages, der Passo Pordoi (2.239m) als Zeitfahren geplant war. Ich hingegen wollte den ganzen Tag in einem gleichmäßigen Rhythmus fahren.
Von Arabba (1.600) aus ging es 10 KM bergauf und ich fuhr wie geplant mein Tempo. So kam ich nach 50 Minuten oben an. Tourleiter Joachim Wechner fuhr eine 32er Zeit, seine Freundin Annika, die vielleicht im Moment die stärkste deutsche Radsportlerin am Berg ist eine 33er und dann kamen mein Zimmerkollege Andreas Knispel aus Wettenberg Wißmar, der oberhalb des Knies amputierte und mit einer Prothese fahrende!!! Schweizer Theo und der unterarmamputierte!!! Holländer Henri mit jeweils 36-er Zeiten. Zum Vergleich: Die Bestzeit von Gilberto Simoni beträgt 28 Minuten irgendwas und man kann erahnen, dass die nicht so bergstarken Profis Probleme mit den Zeiten vonm Joachim und Annika bekommen würden.
Die folgende Abfahrt nach Canazei war auch wegen der vielen Motorräder schwierig. Richtig unangenehm wurde aber nun die Rückfahrt von Canazei nach Moena. Der viele Verkehr war lästig und gerade die Motorradfahrer agressiv. 5 Kilometer vor Moena erkannten wir, dass ein Unfall vor uns passiert sein musste. Beim Näherkommen stellten wir erschrocken fest, dass unser Tourleiter Joachim blutend und regungslos auf der Straße lag und der Rest der schnelleren Gruppe erfolgreich versuchte, die Stelle zu sichern. Der gellende Schrei von Annika, die als Guide in unserer Gruppe fuhr durchfuhr uns alle. Seit diesem Moment hat sich für mich vieles am Radsport verändert und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich auch 2007 noch Rennrad fahren werde. Der Gedanke daran, mit welcher Angst meine Beate seit Jahren zu Hause lebt, wenn ich auf der Straße bin, hat mich zum Grübeln gebracht. Ein Motorradfahrer, der bereits unsere Gruppe geschnitten hatte, hatte Joachim und den Schweizer Kurt offensichtlich zum Sturz gebracht und war dann geflüchtet. Der Holländer Henri verfolgte ihn zwar für 4 Kilometer, verlor den Übeltäter aber dann aus den Augen. Zum Glück waren Notarzt und Krankenwagen in wenigen Minuten zur Stelle und Joachim wurde ins Krankenhaus nach Cavalese gebracht. Wie paralysiert setzten wir den Weg nach Moena fort und an diesem Abend war die Stimmung entsprechend gedämpft. Tagesleistung: 99 KM und 2350 Höhenmeter.
Am nächsten Morgen dann die guten Nachrichten: Joachim hatte sich “nur” das Schlüsselbein und drei Rippen gebrochen. Annika machte das Briefing mit uns und erklärte, dass die Tour fortgesetzt werden würde. Der Holländer Henri würde nun Guide der schnellen Gruppe sein. Um alle nach der Aufregung ein bißchen zu schonen, wurde die 5. Etappe von 91 auf 76 KM abgekürzt. Die ursprünglich in der Route eingeplanten Karerpass und Lavazjoch wurden aus der Programm gestrichen und wir fuhren direkt nach Cavalese und weiter nach Molina (818m), von wo der 16,5 KM lange Anstieg zum Passo Manghen (2.047m) begann.
Der Manghen entpuppte sich dort der großen Hitze und der schwierigen Steigung als der schönste Pass der ganzen Tour. Wenig Verkehr, unten Wald und Schatten und oben dann herrliche Ausblicke. Ein absolutes Highlight. Ich ließ es unten langsam angehen und fuhr dann im Laufe des Passes einige Fahrer wieder auf, ein Szenario dass sich auch auf den letzten beiden Etappen bei den Pässen wiederholen sollte. Obenraus fühle ich mich einf= ach besser, vielleicht weil es dort nciht so heiß ist. Die 23,5 KM lange Abfahrt ins Val Saguna, dass mich an das Etschtal erinnerte, kostete uns 1.600 Höhenmeter und ist eine der längsten Abfahrten der Alpen. Die Straße war hervorragend und nur einige Kühe, von denen eine mich umspringen wollte :-), mussten uns vorsichtig sein lassen. Im Val Sugana galt es dann noch 200 HM nach Spera (646m) zu überwinden und am Ende hatten wir 1.650 Höhenmeter bewältigt. Am Abend wurde Joachim dann aus dem Krankenhaus entlassen und von Annika und Herrmann abgeholt und erschien unter dem stehenden Applaus der Tourteilnehmer zum Abendessen.
Am vorletzten Tag ging es über drei kleinere und zwei mittlere Pässe. Nach einer Abfahrt von Spera ging es hoch zum Forcella (901m) und dann nach einer Zwischenabfahrt hinauf zum Passo Brocon (1.615m), der hervorragend zu fahren war. Nach einer längeren Abfahrt wurden die 150 Höhenmeter des Passo die Gobbera (988m) bewältigt und dann stand der Passo die Cereda (1.369m) auf dem Programm. Dieser entpuppte sich als richtiger Gift(zw)berg mit einer Durchschnittssteigung von über 9%. Nach einer kürzeren Abafhrt ging es dann zum Forcella Aurine (1.299m) und wir erreichten dann nach 106 KM und 2.550 Höhenmetern unser Etappenziel Agordo (609m).
Die 7. und letzte Etappe war die Königsetappe der ganzen Tour. Von Agordo aus gab es zunächst den sehr schweren Anstieg zum Passo Duran (1.601m), bei dem auf 12 KM etwa 9% im Schnitt zu überwinden waren. Längere Passagen von 11-14 % gehörten hier dazu. Nach der Abfahrt nach Dont (930m) ging es direkt in den Anstieg zum Passo Staulanza (1.766m), der mit einem Steigungsschnitt von 8% aufwartete. Nach der Abfahrt nach Caprile (998m) wartete dann der Passo di Giau (2.236 m), der uns mit 10% im Schnitt über 12,5 KM alles abverlangte. Über eine Stunde war ich mit diesem “Hammer” beschäftigt und hätte mehrfach das Rad am liebsten in den Graben geworfen. Ober auf dem Pass regnete es und daher gingen wir die Abfahrt nach Cortina sehr langsam an. Zum Abschluss der Woche ging es von dort noch einmal über den Passo Tre Croci (1.805m). Hier fühlte ich mich sehr wohl, was ich dem Regen und den niedrigeren Temmperaturen zuschreibe. Schließlich erreichten wir nach 87 KM und 3.600 Höhenmetern das Etappenziel Misurina am See und beendeten eine denkwürdige Woche.
Resümee: Die Tour war bestens organisiert, die Teilnehmer alle nett und das Wetter hervorragend. Wenn die Motorrad-, Auto- und LKW-Fahrer noch etwas vernünftiger wären, wäre es eine super Radsportgegend. Aber das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer warf doch einen Schatten auf die Tour, nicht zuletzt durch Joachims Unfall.